Es war im Juni 1999 gegen Mittag. Ein zehntägiges Retreat mit dem amerikanischen spirituellen Lehrer Eli Jaxon-Bear am wunderschönen Lago Maggiore in Norditalien war zu Ende gegangen. Ich setzte mich auf die Veranda, schloss die Augen, und wieder setzte die innere Erfahrung ein, in die Tiefe zu sinken, etwas, das ich am vorherigen Tag zum ersten Mal erlebt hatte, und zwar innerhalb meiner ersten Bewusstheitsübung, die hier später noch vorgestellt und erläutert wird. Das Sinken hielt an, ich sank immer tiefer. Kein Bild, kaum noch Körperempfindungen, ein endloses Sinken durch einen Raum, der nicht beengend, aber auch nicht weit war. Ich wusste, in einem solchen Prozess kommt es darauf an, nichts zu tun, alles geschehen zu lassen, den Prozess das machen zu lassen, was er mit mir macht.

Ich spürte, wie der Atem langsamer wurde, sanfter und sich in einer ganz bestimmten Weise eindeutig veränderte: Das Ausatmen wurde immer tiefer, immer vollständiger und gleichzeitig das Einatmen immer zarter, einfach durch das Loslassen.

 

Wahrscheinlich war es gut, dass mir die Feueratmung vom Yoga gut bekannt war; ich dachte, wahrscheinlich haben die Yogis schon in sehr frühen Zeiten verstanden, dass sich der Atem auf dem Wege zur Erleuchtung in genau dieser Weise verändert, und deswegen so viel Gewicht auf diese Atemtechnik gelegt: Dabei atmet man nämlich sehr tief aus und lässt das Einatmen nur durch das Loslassen der eingezogenen Bauchdecke von allein geschehen. Im Nachhinein jedenfalls habe ich manchmal gedacht, dass mir diese Analogie geholfen hat, dieses Atmen geschehen zu lassen; ich weiß ja inzwischen, dass sehr viele Menschen an dieser Stelle Angst haben zu ersticken, weil es sich so anfühlt, als würde der Körper nur ausatmen wollen und keine Luft mehr nehmen. Vielleicht

hätte ich auch ohne dieses Yogawissen den Körper machen lassen, vielleicht leicht hätte es mich auch irritiert, denn es hatte mir vorher niemand etwas darüber gesagt – wer weiß.

 

Ich fiel und fiel, ich sank und sank, immer tiefer. Bis es nicht abrupt, aber doch ziemlich plötzlich zur Ruhe kam und, nicht von einem Boden gestoppt, sondern fließend in einen Zustand des Schwebens überging; im selben Augenblick verschwand die Enge, durch die ich hindurch gesunken war; ich war in eine unendliche Weite, unendliche Tiefe hineingekommen und vor allem war ich in einer unendlichen, völlig friedlichen, angenehmen, glückseligen, lebendigen, aber unendlich ruhigen Stille angekommen. Nichts existierte mehr, keine Form, stattdessen Unendlichkeit, da war nichts mehr und doch floss alles über, da war Leere und doch alles in ihr enthalten, der Verstand war zwar vollständig still und dennoch vollständig lebendig; es war so neu und unberührt und gleichzeitig ganz selbstverständlich, wie ein Zuhause, in dem man schon immer gewesen ist, es war nichts und zugleich die vollständigste Erfüllung … Jetzt, da ich dies diktiere, gibt es ein Innehalten, ein In-die-Stille-gezogen-Werden mit einem klaren Wissen, es gibt nichts zu tun, es ist nichts nötig, noch nicht einmal dieses Buch, das zum jetzigen Zeitpunkt nahezu fertig ist; was soll dieses Buch angesichts der Stille? Da ist Unbeweglichkeit, vollständige, ewige Tiefe, tiefe Ewigkeit in endloser Ausdehnung und Grenzenlosigkeit, ganz neu und zugleich mit dem niemals bezweifelten tiefen Wissen: DAS IST ES. Und DAS IST. Ich erfuhr die tiefste spirituelle Erfahrung, die möglich ist, ich fand Erleuchtung, und das änderte alles.

 

Ja, diese Welt existiert. Ja, das, was Menschen erleben, ist wichtig. Die Freude und das Leid. Die Liebe und die Wut. Das Lachen und die Tränen. Das Leben und der Tod. All das ist wichtig, es hat Bedeutung; und gleichzeitig – das erfuhr ich jetzt so fundamental und so, dass es nie wieder vergessen werden und nie wieder verschwinden konnte – gibt es eine tiefere, die eigentliche Wirklichkeit. Unendlicher Frieden, Glückseligkeit, Liebe. Grenzenlosigkeit, Weite und Zeitlosigkeit. Diamantene Klarheit, unendliche Stille, Ewigkeit. Erfüllung und Glücklichsein. 

 

 

Erleuchtung bestimmt seitdem meine Arbeit

 

Diese tiefere Wirklichkeit, diese tiefere Dimension den Menschen nahezubringen, Menschen darin zu unterstützen, Erleuchtung zu finden, das wurde mir seitdem der wichtigste Lebensinhalt. Meine Arbeit mit Menschen wurde immer klarer und wirkungsvoller. Ich erlebte in meiner Arbeit zuerst Dutzende, dann Hunderte Menschen, die Erleuchtung fanden. Viele von ihnen durfte und darf ich über Jahre auch noch nach dem Aufwachen begleiten; dabei wird offensichtlich, dass Erleuchtung das ganze Leben dauerhaft bestimmen kann, dass es also nichts Kurzfristiges ist, das dann wieder verschwindet.

Auf diese Weise konnte ich so viel über Erleuchtung, den Weg davor und auch den Prozess danach lernen, wie ich es nicht für möglich gehalten hatte. Immer deutlicher und präziser wird dabei die notwendige innere Arbeit, die es ermöglicht, dass Erleuchtung sich vertieft und immer stabiler wird. Ohne diese innere Arbeit ist die Gefahr groß, dass Erleuchtung wieder versandet und verschwindet; die Ichstruktur kann wieder die Regie übernehmen – wie in dem Beispiel eines Amerikaners, der nach seinem Aufwachen als spiritueller Lehrer wirkte und ein interessantes und gutes Buch über das Aufwachen schrieb, aber dann, nach zwei Jahren, war auf seiner Webseite zu lesen: »Sorry, closed. Ego returned.« So schön, diese Ehrlichkeit, aber auch traurig, dass die Chance vertan wurde.

 

Der Erfolg hängt nämlich von der inneren Arbeit vor dem Aufwachen genauso wie nach dem Aufwachen ab. Ich kenne mehrere Menschen, die einige Zeit nach dem Aufwachen den Eindruck hatten, die Stille, der Frieden, die endlose Weite seien wieder verschwunden, und die dann nach einer gewissen inneren Arbeit wieder zurückfanden in die Stille, die nunmehr tiefer und stabiler war als zu Anfang. Das erleuchtete Sein kann das Leben dauerhaft und grundlegend bestimmen, mit vielen positiven Veränderungen, die das Leben lebenswerter machen.

Der Erfolg der inneren Arbeit hängt außerdem davon ab, wie viel Wissen es über den Prozess des Aufwachens gibt.

 

 

Erleuchtung wird oft auch das Erwachen oder Aufwachen genannt – gemeint ist damit dasselbe. Der Begriff des »Aufwachens« stellt in den Vordergrund, dass einem ab diesem Moment der Transformation das bisherige Leben wie ein Traum vorkommt. »Erwachen« ist der Begriff der östlichen Spiritualität, der Buddha war der »Erwachte«. Der Begriff Erleuchtung ist der abendländische, der westliche Begriff.

Das Wort Erleuchtung kann den falschen Gedanken nahelegen, dass zu dem Vorhandenen das Licht hinzugekommen wäre und der Mensch dadurch erleuchtet würde. Aber es kommt nichts hinzu. Es fällt etwas weg: die Illusion, ein getrenntes Ich zu sein, die Ichbezogenheit. Es fällt weder die Persönlichkeit noch die Person weg. Das alles wird später zu klären sein.

 

Ein Prozess vor der Erleuchtung und danach

 

Erleuchtung ist ein Ereignis zu einem klaren, bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Stunde. Aber danach steht das Leben nicht still, danach ist es nötig, dass sich diese Erleuchtung in das gesamte Leben und die gesamte Persönlichkeit ausbreitet und integriert; sie kann sich Stück für Stück vertiefen, und so durchdringt das erleuchtete Sein immer mehr das ganze Leben, das ganze Dasein. 

Wir haben also drei Schritte:

 

Die Suche → die Erleuchtung → die Realisation

 

Die Realisation dauert das ganze Leben an; noch nie hat jemand davon berichtet, am Ende angekommen zu sein. Mit der Erleuchtung fühlt man, dass erst jetzt das wirkliche, das eigentliche Leben beginnt, und es ist ein noch aufregenderes Abenteuer. Wenn jemand die innere Arbeit ernst nimmt, kann sich Erleuchtung immer weiter vertiefen. Und umgekehrt: Sie kann auch wieder versanden, man kann auch wieder einschlafen. Natürlich hat man dann eine zweite Chance und kann an sein erstes Aufwachen anknüpfen.

 

 

Weil in meiner Arbeit so viele Menschen Erleuchtung finden und die Vertiefung der Erleuchtung durch innere Arbeit konsequent unterstützt werden kann, führe ich seit Jahren ein spezielles Training mit Menschen durch, die Erleuchtung erfahren haben. Es geht über 18 Monate und besteht aus wöchentlichen Onlinetreffen und zwei Präsenzseminaren. Die

meisten Teilnehmenden waren schon vorher Schülerin oder Schüler von mir, immer häufiger kommen aber auch Menschen, die in anderen Kontexten Erleuchtung erfahren haben.

Nachdem also der Prozess des Aufwachens in meiner Arbeit immer klarer wurde, sammelte ich nun immer mehr Erfahrung über den Prozess nach der Erleuchtung: Wie kann es geschehen, dass sich das aufgewachte Sein immer mehr vertieft, dass Erfüllung, Liebe, Glückseligkeit und die Stille immer tiefer werden? Das ist ein Prozess der Entfaltung der Persönlichkeit und der Verwandlung, der nach der Erleuchtung beginnt und immer weitergeht, der in den ersten Jahren intensive innere Arbeit erfordert und sich danach immer weiter entfaltet und ausdehnt. Es ist das größte Abenteuer, das möglich ist.

Auch der Weg zum Aufwachen hin ist ein Abenteuer. Er hat nichts damit zu tun, sich aus der Welt und dem Leben zurückzuziehen, so als wäre er ein Training, mit dessen Hilfe man sich immer weniger vom Leben berühren ließe. Nein, in Wirklichkeit bedeutet es, immer vollständiger lebendig zu werden, immer vollständiger authentisch zu sein; du selbst zu werden, der oder die du in deiner inneren Tiefe bist.

 

Du brauchst nicht großartig oder gut zu sein, du darfst alle möglichen Fehler haben, Macken und Unvollkommenheiten. Das Einzige, was nötig ist: einverstanden zu sein mit dem, was ist, ganz und gar einverstanden zu sein. Das ist der Boden der Liebe und der Hingabe. Die Liebe überschreitet das Persönliche, und deine Hingabe öffnet dich für das Größere und schließlich für die Unendlichkeit. Zusammen mit der Liebe zur Wahrheit und der Sehnsucht nach Freiheit sind das die vier Bewegungen, um Erleuchtung zu finden, die ich dir in diesem Buch näherbringen werde.

 

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Christian Meyer

Spiritueller Lehrer & Diplom-Psychologe. Seit seiner Erleuchtung arbeitet er als spiritueller Lehrer in vielen deutschen und auch ausländischen Städten. Das wichtigste für ihn: nicht nur über Erleuchtung zu reden, sondern Menschen darin zu unterstützen, Erleuchtung, das Aufwachen zu realisieren.

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